KAWA YAMAMOTO

NILO STILLHARD

20. Juni bis 18. Juli 2020

Die Nacht hatte sich wie ein Schleier voll Sanftmut über den Ur-Wald gelegt. Dieser Wald, welcher sich bis in die Unendlichkeit erstreckte und alle Hügel und sogar die Berge überwucherte, ruhte machtvoll in sich selbst. Die Geschöpfe der Nacht begannen aus ihren Unterschlüpfen und Höhlen zu fliegen, kriechen oder zu huschen. Der Wald, welcher der erste war und alles Leben des Landes in sich beherbergte, schien zu Atmen und ein tiefer Ton, der in alles Lebendige wie auch in allem Toten sanft einwirkte ging von ihm aus. Nichts in diesem Kreislauf des Lebens starb je wirklich, alles war in sich unsterblich und der Äther formte sich nach jedem materiellen Zyklus neu.

Nun, da es Nacht war, stieg die Luftfeuchtigkeit drastisch an. Dichte Schwaden von Dampf stiegen vom noch warmen Waldboden langsam empor. Dort auf diesem Ur-Kontinent im tiefen Dickicht, zwischen all dem dichten Geäst, wo die Temperatur auch in der Nacht unerträglich schwül war, kauerte eine Gestalt. Der Boden war moderig, weich und überall waren Löcher, in denen sich das Wasser der sumpfigen Erde sammelte. Das Wesen, welches kauernd mitten in diesen Gefilden stand, rührte sich nicht. Es schien nicht einmal zu atmen. Die Bäume ringsum waren auf beängstigende Weise an- mutig. Ihre Rinde war wegen der hohen Feuchtigkeit gänzlich von Moos bedeckt und von den knorrigen Ästen hing dichtes Geflecht und Kannenpflanzen. Die Wesen des Moores erfüllten das Waldstück mit einem intensiven Konzert aus Surren, Brummen, Quaken und dies in allen Höhen und Tiefen der Musik. Unerwartet und plötzlich, ein Knarren und Knacken als hätte man ein dickes Bündel Äste voller Wucht zerbrochen... die Tiere verstummten. Zeitgleich mit der Stille begann sich das Wesen zu bewegen, augenblicklich war klar, dass dieses ins Mark gehende Geräusch von dieser Kreatur ausging. Was war es überhaupt, ein Stein? Es glich keinem anderen Wesen des Waldes. Der Nebel hatte den Boden des sumpfigen Waldstückes nun gänzlich bedeckt, nur die Kreatur ragte wie ein formloses Denkmal aus dem weissen Meer heraus. Unerwartet und doch, wie eine lang ersehnte Prophezeiung, erreichten die ersten Strahlen, des noch jungen Mondes, die kleine Lichtung. Ein zartes Glühen begann die Nebelschwaden zu erfüllen. Sie nahmen das Licht des Mondes auf und breiteten es auf dem ganzen Nebelfeld aus. Als nun das Wesen vom Licht berührt wurde, zerfiel die Hülle des Tages und es entpuppte sich als eine Greisin. Sie war angezogen in einem seltsamen langen Gewand. Das Kleid wirkte fremd in dieser Umgebung, denn es war von einem leuchtenden rosa, wie keine Blüte des Waldes zu blühen vermochte. Der Mond stieg höher. Sowie er stieg, erstrahlte die Alte stetig heller. Langsam und zögerlich begann sie sich zu bewegen. Jede ihrer Bewegungen war begleitet von dem Knarren ihrer Gelenke. Ihre schwarze Haut schimmerte wie das kostbarste Obsidian und ihre leuchtenden weissen Rasta Zöpfe umrahmten ihr schönes furchiges Gesicht aus dem ein Auge allsehend und das andere blind hervorstrahlten. NANÃ BURUKU ist sie. Die Mutter, geboren aus dem Ur-Schlamm, der unsere Welt formte. Die Herrin des Regens, der Sümpfe und des Lehms. Sie war es, die OXALÁ bei der Erschaffung der ersten Menschen half. Die Tiere des Sumpfes, die jede Nacht beim Erwachen ihrer Schöpferin in Ehrfurcht verstummten setzten nun zum Konzert ein und das Wesen, die Frau, die Göttin, die Mutter begann zu den Klängen ihrer Kinder zu tanzen und die knarrenden, knackenden Gelenke erzeugten den Rhythmus, der jeder Musik den Boden gibt.Nachdem NANÃ getanzt hatte und gegen den sternerfüllten Himmel blickte, sah sie alle Galaxien und Welten bis in die dunklen Tiefen des Alls. Sie musste lächeln. Sanftmut erfüllte sie. Ich möchte gerne durch meine Arbeiten Anregungen schaffen, die dich dazu bringen, mehr über die wirkliche Geschichte deiner schwarzen Brüder und Schwestern erlernen zu wollen. Dein Wissen und fühlen zu dekolonialisieren und zu sehen, dass die Geschichte immer vom Opressor geschrieben wird. Da ich Grundsätzlich bzw. Mehrheitlich an der Thematik der Orixàs und des Synkretismus arbeite, sehe ich keine politische Motivation in meiner Arbeit. Viel mehr möchte ich bisher Un- gesehenes in einen Fokus stellen.                                    

 

— Nilo Stillhard, Artist

Diese Geschichte behandelt den Orixà [Orisha] NANÃ und ist von Nilo geschrieben. Sie soll verdeutlichen, wie ein Orixa zu verstehen ist. Sie sind nicht mit den Griechischen oder Ägyptischen Göttern zu vergleichen. Die Religion der Yorùbá-Nàgô bildet die Heimat der Orixà und ist eine der ältesten noch existierenden Religionen der Welt. Obwohl sie durch ihre Verbreitung auf der Welt als Welt-Religion betrachtet werden könnte, ist das Wissen um ihre Existenz in der westlichen Welt wenig verbreitet. Orixàs sind Verkörperungen der Ur-Elemente: Wasser, Feuer, Erde, Luft und all deren Abstufungen. In der Yorùbá gibt es keine Polarisierung von Gut und Böse. Durch den Transatlantischen Sklavenhandel kam die Yorùbá in die Karabik, sowie nach Süd- und Nordamerika. Durch die gewaltvolle Missionierung der verschlepp- ten Menschen entstanden Synkretistische (Mischreligionen) Religionen, wie Santoria, Cadonblé und Umbanda.

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